Wieder aktuell: Indeflation 

 

 

Regula Heinzelmann

 

20. Mai 2020, aktualisiert am 12. Juni 2026

 

Indeflation nenne ich eine Kombination zwischen Inflation und Deflation, ähnlich wie die Stagflation der 70er Jahre, aber noch problematischer, ausgedrückt: Wenn man etwas unbedingt kaufen muss, wird es immer teurer! Hingegen sinken die Preise für das, was man verkaufen will.

 

Seit Jahren steigen die Preise für Lebensmittel, Treibstoffe, Energie usw. Durch Unternehmenspleiten, Verschiebung der Produktionsstätten besteht zusätzlich die Gefahr von Arbeitslosigkeit, was die Löhne sinken lässt. 

 

 

https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/stagflation-45364

 

 

Die EZB erhöht die Leitzinsen, um angeblich die Inflation zu bekämpfen. Diese Massnahmen ist auf die Lehre des Monetarismus zurückzuführen, die davon ausgeht, dass man die Geldmenge durch Zinsen steuern könne. Im Zeitalter des Goldstandards mag das funktioniert haben, aber dieser wurde 1971 beendet.

 

https://www.gold.de/goldstandard/

 

Schon in den 80er Jahren nannte Johann Philipp von Bethmann, der jahrzehntelang die Bethmann-Bank leitete – er war im Gegensatz zu den Wirtschaftsprofessoren ein Praktiker - den Monetarismus eine Irrlehre, siehe unser folgendes Interview:

 

https://www.europa-konzept.eu/rechtsstaat-statt-relativierung/bethmann-interview/

 

Zitat: „Wenn die Notenbanken eine Geldverknappung an. Verknappung bedeutet in den Augen und Ohren des Publikums Verteuerung. Nichts treibt die Inflation stärker voran als die Erwartung steigender Zinsen.“

 

 

Indeflation: Text aus den 90er Jahren

 

Wer etwas Grundlegendes und Notwendiges verkauft, kann auch heute noch die Preise steigern, z.B. die Versicherungen. Dies führt unter anderem zu Erhöhung der Lohnnebenkosten. Auch andere unentbehrliche Waren sind verhältnismässig teuer, vor allem wenn es in der Branche Grossfirmen gibt, die eine monopolähnliche Macht haben. Das ist zum Beispiel in der Energiebranche der Fall.

 

Andererseits gab es während der letzten Jahre in vielen Branchen Preissenkungen, teilweise eine verheerende Deflation. Die Preisstatistiken zeigen den Durchschnitt zwischen ruinösen Preisstürzen und steigenden Preisen für notwendigen Aufwand. Politiker und Wirtschaftsführer sprechen aber von einer "niedrigen Inflationsrate" und nennen das einen "Erfolg der Wirtschaftspolitik". Die "niedrige Inflationsrate" ist ein beschönigender Ausdruck für die verheerende Mischung von Inflation und Deflation.

 

Unter der Indeflation leiden vor allem Klein- und Mittelunternehmen, sowie Selbständigerwerbende. In Branchen mit deflationären Tendenzen müssen sie die Preise derart senken, dass sich sogar Verluste ergeben können. Gegenüber Zulieferbetrieben diktieren Grossunternehmen die Preise, und ziehen es oft vor, in Billiglohnländern einzukaufen. So verringern sich die Aufträge. Firmen mit wenig Reserven überleben in diesem Teufelskreis nicht lange. Es sei denn, sie entdecken eine Marktlücke. Wenn nicht, bleibt häufig nur der Konkurs.

 

Wer Glück hat kann fusionieren. Zusammenlegungen von kleinen und erst recht von grossen Unternehmen sind aber automatisch mit Personalabbau verbunden, weil es wenig Sinn macht, Stellen doppelt zu besetzen. Grosse Unternehmen mit Reserven können in diesen Fällen einen Sozialplan ausarbeiten und die Stellen durch Frühpensionierungen und natürliche Abgänge reduzieren. Kleinen Firmen bleibt oft nur die Entlassung.

 

Viele Unternehmen reagieren auf die Indeflation so, dass sie bei der Produktion die Stückpreise senken und im Betrieb sparen. Leider sind die Resultate solcher Bestrebungen häufig Fusionen, Entlassungen und zu niedrige Löhne. Vor allem entsteht ein Druck auf die verbliebenen Angestellten in immer kürzerer Zeit immer mehr zu produzieren. Damit geraten viele Unternehmen über kurz oder lang in einen Teufelskreis. Sie produzieren Güter, die verglichen mit denen aus anderen Ländern immer noch zu teuer sind und deswegen schwer zu verkaufen sind. Andererseits wird der Kundenservice vernachlässigt, weil die Angestellten überlastet sind.

 

Alternativen zu diesen Massnahmen sind also gefragt. Konkurrenz auf Preisebene lohnt sich nur, wenn ein Produkt nur von relativ wenigen Unternehmen hergestellt wird, die unter ähnlichen Bedingungen arbeiten, z.B. von Firmen in der Schweiz und in Deutschland. Das bedeutet, dass wir Dinge entwickeln müssen, die in Billiglohnländern noch nicht hergestellt werden.

 

Zu berücksichtigen ist weiter, dass auch die Arbeit der Angestellten eine "Ware" ist, die verkauft, bzw. eingekauft wird. Dies gilt einerseits bei der Lohnberechnung für die Angestellten. Es wirkt negativ auch für die Unternehmen, wenn Löhne sinken und einseitig vom Arbeitgeber diktiert werden, weil es ein Überangebot an Arbeitskräften gibt. Für tüchtige Angestellte ist es frustrierend, wenn die Löhne trotz guter Leistung nicht steigen, weil die Preise für die Produkte der Firma zu niedrig sind. Das motiviert nicht gerade zu grösserer Anstrengung, im Gegenteil. Deswegen ist es notwendig, die Löhne einerseits auf die indeflationären Tendenzen abzustimmen und gleichzeitig die Leistungen der Mitarbeitenden zu berücksichtigen.

 

 

Titelbild

 

gemalt und fotografiert von Regula Heinzelmann

 

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