Neues Schlagwort - alte Ideen

Text von Regula Heinzelmann

 

15. Januar 2021

 

 

Im Zusammenhang mit Corona macht seit 2020 in den sozialen Medien ein neuer Ausdruck die Runde #GreatReset (das grosse Zurücksetzen). Dies ist die Überschrift eines Vorschlags des Weltwirtschaftsforums (WEF) aus dem Mai 2020. Dieses Schlagwort wird von vielen Leuten gewaltig überschätzt, es handelt sich dabei um Ideen, die seit den siebziger Jahren in der Geschäftswelt gefordert und vor allem im Mittelstand umgesetzt werden – bei den Unternehmen, die man jetzt mit Corona-Massnahmen ruiniert.

 

So vor dreissig Jahren war das WEF eine hochkarätige Veranstaltung, die von vielen Mitgliedern einer echten Elite besucht wurden. In der Schweiz waren wir stolz darauf, sie durchzuführen. Heute können wir froh sein, dass sie nach Singapur – übrigens eine interessante Stadt – verlegt wird und wir keine Steuergelder mehr dafür ausgeben müssen. 1990 war die Elite noch dort, wo sie hingehört, in Führungspositionen, leider sind viele Vertreter der damaligen Elite gestorben. Heute nehmen an solchen Veranstaltungen sicher viele Leute vom Establishment, d.h. Vertreter von globalistischen Konzernen und die mit ihnen verbündeten Politiker teil, die völlig andere Prioritäten haben, siehe folgenden Text.

 

https://www.europa-konzept.eu/aktuelle-texte/das-establishment/

 

 

Der Great Reset wird auf der Webseite des Forums beschrieben:

 

https://www.weforum.org/agenda/2020/06/now-is-the-time-for-a-great-reset/

 

Die Covid-19-Krise und die damit verbundenen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Störungen verändern den traditionellen Entscheidungskontext grundlegend, heisst es da. Die Folgen seien Inkonsistenzen, Unzulänglichkeiten und Widersprüche, die man mit der Great Reset-Initiative lösen will. Diese basiere auf der Vision und dem umfassenden Fachwissen der Führungskräfte, die im Forum engagiert sind. Man müsse einen neuen Gesellschaftsvertrag erstellen, der die Würde jedes Menschen achtet. Das ist eine Phrase.

 

„Wir können aus dieser Krise eine bessere Welt hervorgehen, wenn wir schnell und gemeinsam handeln“, schreibt Klaus Schwab, der Gründer des Forums. „Die Änderungen, die wir bereits als Reaktion auf COVID-19 gesehen haben, beweisen, dass ein Zurücksetzen unserer wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen möglich ist. Dies ist unsere beste Chance, den Kapitalismus der Stakeholder anzuregen.“ Das ist natürlich keineswegs eine neue Idee, die Stakeholder – d.h. die von einer Geschäftstätigkeit betroffenen Leute – zu berücksichtigen, das forderte man schon in den 80er und 90er Jahren und verantwortungsbewusste Geschäftsleute handelten entsprechend.

 

Klaus Schwab rechnet damit, dass wir mit der der schlimmsten Depression seit den 1930er Jahren konfrontiert werden könnten: „Obwohl dieses Ergebnis wahrscheinlich ist, ist es nicht unvermeidlich.“ Um ein besseres Ergebnis zu erzielen, müsse die Welt gemeinsam und schnell handeln, um alle Aspekte unserer Gesellschaften und Volkswirtschaften zu erneuern, von Bildung über Sozialverträge bis hin zu Arbeitsbedingungen. Kurz gesagt, wir brauchen einen „grossen Reset“ des Kapitalismus. Interessant ist, dass Klaus Schwab auch China auffordert, daran teilzunehmen, das ist wohl kaum durchsetzbar, siehe folgende Texte:

 

https://www.europa-konzept.eu/texte-von-gero-greb/china-europa-schläft/

 

https://www.europa-konzept.eu/aktuelle-texte/china-und-der-westen/

 

 

Wirtschafts- und Sozialsystem auf Schulden

 

Klaus Schwab fordert „völlig neue Grundlagen für unsere Wirtschafts- und Sozialsysteme schaffen.“ Positive an der Pandemie sei, dass sie gezeigt hat, wie schnell wir radikale Änderungen an unserem Lebensstil vornehmen können. Die Krise hätte Unternehmen und Einzelpersonen dazu, Praktiken aufzugeben, die lange Zeit als wesentlich galten, vom häufigen Flugverkehr bis zur Arbeit in einem Büro und man hätte Opfer gebracht.

 

„Viele Unternehmen haben sich verstärkt für die Unterstützung ihrer Mitarbeiter, Kunden und lokalen Gemeinschaften eingesetzt, um sich in Richtung eines Stakeholder-Kapitalismus zu bewegen, dem sie zuvor Lippenbekenntnisse gegeben hatten.“ Nanu, was ist denn das für eine Behauptung? Das haben viele verantwortungsbewusste Unternehmer – vor allem die des Mittelstandes! - schon lange vorher gemacht, jedenfalls, wenn sie Wert auf zufriedene Kunden und tüchtige Angestellte legten. Und ohne Compliance muss man mit juristischem Ärger und teuren Prozessen rechnen. Herr Schwab sollte das eigentlich wissen, aber offensichtlich schwebt er wie viele Personen des Establishments schon seit Jahren in den Wolken.

 

Beispiel

Seit 1987 schreibe ich über Umweltmanagement. Schon damals war klar, ohne eine funktionierende Wirtschaft und innovative Unternehmen wäre dieses gar nicht möglich. Es gab Ende der 80er Jahre eine bereits hoch entwickelte Industrie für Umwelttechnik. Das Problem ist allerdings, weltweit zumindest die Unternehmen mit Kläranlagen, Luftreinhaltungstechnik und Recyling, soweit sind wir noch lange nicht. Das wäre mal ein handfestes Thema für das WEF, statt Reden von Klima-Gretchen. Solange Kinder in Abfallbergen wühlen oder seltene Erden für Autobatterien gewinnen müssen, macht man sich damit nur lächerlich.

https://www.europa-konzept.eu/umweltmanagement-statt-co2-abzockerei/umweltmanagement/

 

Die Great Reset-Agenda sollte drei Hauptkomponenten haben. Um den Markt zu faireren Ergebnissen führen sollten die Regierungen die Koordinierung z. B. in der Steuer-, Regulierungs- und Fiskalpolitik verbessern, sowie die Handelsvereinbarungen und die Bedingungen für eine „Stakeholder-Wirtschaft“ schaffen. Mit dem, was man heute als Handelsabkommen bezeichnet, CETA, JEFTA, Mercosur oder gar das Abkommen mit China RCEP funktioniert das aber garantiert nicht.

https://www.europa-konzept.eu/texte-von-regula-heinzelmann/gefahren-des-freihandels/

 

https://www.europa-konzept.eu/texte-von-gero-greb/argumente-gegen-ceta/

 

Darüber hinaus sollten die Regierungen überfällige Reformen durchführen, die gerechtere Ergebnisse fördern. Je nach Land können dies Änderungen der Vermögenssteuern, die Rücknahme von Subventionen für fossile Brennstoffe und neue Regeln für geistiges Eigentum, Handel und Wettbewerb sein.

 

Die zweite Komponente einer Great Reset-Agenda würde sicherstellen, dass Investitionen gemeinsame Ziele wie Gleichstellung und Nachhaltigkeit vorantreiben. „Hier bieten die umfangreichen Ausgabenprogramme, die viele Regierungen durchführen, eine grosse Chance für Fortschritte. Zum einen hat die Europäische Kommission Pläne für einen Sanierungsfonds in Höhe von 750 Mrd. EUR (826 Mrd. USD) vorgestellt.“ Ein Mann, der eine Wirtschaftsveranstaltung organisiert und glaubt, man könnte eine Kunjunktur auf Schulden für die Enkel aufbauen, ist kaum glaubwürdig. Na gut, er könnte einwenden, mit dem Marshallplan hätte das Wirtschaftswunder auch geklappt und die Deutschen haben diese Darlehen zurückgezahlt. Die Mittel wurden aber auch zum Kauf von amerikanischen Produkten verwendet. Übrigens war diese Situation kaum mit der heutigen vergleichbar.

https://www.george-marshall-gesellschaft.org/george-c-marshall/der-marshall-plan-und-die-folgen/

 

„Anstatt diese Fonds sowie Investitionen von privaten Unternehmen und Pensionsfonds zu verwenden, um Lücken im alten System zu schliessen, sollten wir sie verwenden, um ein neues zu schaffen, das auf lange Sicht widerstandsfähiger, gerechter und nachhaltiger ist.“ Man soll also die Pensionsgelder z.B. für den  Aufbau einer „grünen“ städtischen Infrastruktur verwenden – auch keine neue Idee! Weiter soll man damit die Industrie anreizen, ihre Erfolgsbilanz in Bezug auf Umwelt-, Sozial- und Governance-Kennzahlen (ESG) zu verbessern. Unsere alten Leute können unterdessen ihr Essen in den Containern suchen und werden dafür noch bestraft! Pfui!

 

Der dritte Teil besteht darin, die Innovationen der vierten industriellen Revolution zu nutzen, um das Gemeinwohl zu unterstützen, insbesondere durch die Bewältigung gesundheitlicher und sozialer Herausforderungen. „Während der COVID-19-Krise haben sich Unternehmen, Universitäten und andere zusammengeschlossen, um Diagnostika, Therapeutika und mögliche Impfstoffe zu entwickeln. Testzentren einrichten; Mechanismen zur Verfolgung von Infektionen schaffen; und liefern Telemedizin.“ Man möge sich vorstellen, wenn in allen Sektoren Anstrengungen unternommen würden. Wie soll das funktionieren, wenn man mit Corona-Massnahmen gerade die innovativen Mittelstandsunternehmen ruiniert und China sie aufkauft?

 

Der Schlusssatz: „Die Pandemie bietet ein seltenes, aber enges Zeitfenster, um unsere Welt zu reflektieren, neu zu definieren und zurückzusetzen, um eine gesündere, gerechtere und erfolgreichere Zukunft zu schaffen.“

 

 

Titelbild

 

gemalt und fotografiert von Regula Heinzelmann

 

 

 

 

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© Regula Heinzelmann