#derlöwistlos! Variante 2021

 

 

Regula Heinzelmann

 

24. Januar 2021

 

 

Satire frei nach Kurt Tucholsky

 

1920 schrieb Tucholskiy (1890 bis 1935) die wunderbare Satire „Der Löw´ ist los!“

 

Ich habe sie aktualisiert und Ähnlichkeiten mit der heutigen Situation sind durchaus beabsichtigt.

Die erste Variante von 2020 findet man hier:

 

https://www.europa-konzept.eu/texte-von-regula-heinzelmann/derlöwistlos/

 

 

Die Geschichte im Original und andere Werke von Tucholsky kann man hier herunterladen.

 

https://tucholsky.de/?s=Der+Löw+ist+los

 

 

Es freut mich, dass diese Geschichte auf folgenden Blog übernommen wurde.

 

https://www.wertewandelblog.de/derloewistlos-variante-2021/?fbclid=IwAR0rOTUF8QGpy8T2pYguK_Fhi9ODYCzcjZyrJcm66JPBaxP66D92a8uaplI

 

 

 

 

 

24. Januar 2021

 

Eines Tages beschloss ein Löwe, der im Berliner Zoo geboren und aufgewachsen war, auszubrechen und sich seine Freiheit zu erobern. Zu diesem Zwecke stürzte er sich mit dem besonders lauten Gebrüll Nr. 3 auf den erschrockenen Wärter Wolfgang Pfleider, entriss diesem den Sicherheitsbatch und öffnete damit die Tür. Bevor der Wärter aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte und begriff, was geschehen war, war Desertking schon aus dem Käfig entwichen und spazierte stolz auf den Wegen des Berliner Zoos. „Einige Viecher machen doch wirklich immer nur Ärger“, dachte Wolfgang Pfleiderer noch halb benommen. Schon nach seiner Geburt hatte man über den Namen gestritten. Einige Tucholsky-Freunde wollten ihn „Wüstenkönig“ nennen, wie den Löwen in der Geschichte „Der Löw´ ist los!“ Man brauche wieder mal ein Zootier mit Deutschem Namen, meinten sie. „Wüstenkönig“ sei politisch unkorrekt, meinten vor allem Grüne, Linke und SPD-Anhänger. Man lebe doch nicht mehr im preussischen Königreich und in eine demokratische Gesellschaft passe dieser Name überhaupt nicht. Einige CDUler fanden „Wüstenkönig“ einfach nur altmodisch, sogar wenn sie Tucholsky mochten. Also einigte man sich auf den Namen „Desertking“. Aber immer noch König und so hatte sich der Löwe auch immer benommen, fand Wolfgang Pfleiderer. Er liess sich bedienen, war widerspenstig und nun hatte er auch noch die Frechheit auszubrechen. 

 

 

Einige Spaziergänger, die den sonnigen Samstag im Zoo genossen, stürzten nachdem sie den Löwen erblickt hatten haste was kannste ins nächst gelegene Gebäude. Kinderwagen wurden umgestossen und die schreienden Kinder fielen auf den Weg. Alte Omas und Opas liessen ihre Rollatoren stehen, weil sie ohne diese rascher vorwärts kamen und liefen wieder fast wie in ihrer Jugend. Nur einige Millennials, die das für eine organisierte Show hielten, machten ziemlich unbeeindruckt ein Selfie mit dem Löwen im Hintergrund und stellten es dann gleich ins Netz. Ein tollkühner Jüngling mit Punkfrisur und Piercings an Nase und Ohren drückte seinem Freund das Handy in die Hand und sprang auf den Rücken von Desertking. Dieser schüttelte ihn ab und beschnupperte den verdutzt am Boden liegenden Jungen. Desertking war dieser nicht geheuer, viel zu dünn. Und was sollten diese komischen Metalldinger im Gesicht? „Nein, den fress ich besser nicht“, da verderbe ich mir ja den Magen“, dachte er und trollte sich weg. Die Begleiter des Jungen waren so erschrocken, dass sie gar nicht dazu kamen, die Szene zu filmen. Das bereuten sie natürlich nachher, das hätte sicher Millionen Klicks gegeben.

 

Inzwischen hatte sich die Nachricht #derlöwistlos! in Windeseile im Internet verbreitet. Viele, die dem Löwen im Zoo entkommen waren, teilten es allen Verwandten und Bekannten mit. Auf den Strassen Berlins brach dieselbe Panik aus wie im Zoo, aber mit Potentialeffekt. Jeder rannte entweder in die nächstgelegenen Lokale, in die Warenhäuser oder zum nächsten Bus, Taxi oder U-Bahn, die rasch überfüllt waren. Einige besonders rücksichtslose Typen rannten dabei alle anderen um oder prügelten sich sogar den Weg frei. Taxifahrer und Uber-Dienstleister erhöhten ihre Preise um das 18 fache. Wer im Auto sass, wollte natürlich sofort weg aus der Gefahrenzone, mit dem Resultat, dass es Staus gab, wie man sie im grosszügig gebauten Berlin selten erlebt. „Das ist ja wie in Zürich“, meinte ein Schweizer, der sich auf eine Besichtigung von Schloss Charlottenburg gefreut hatte, aber keine Chance sah, auf den verstopften Strassen bis dahin durchzukommen. Er ärgerte sich, weil er am anderen Morgen abreisen musste. Nur die Verkehrsampeln funktionierten wie immer, d.h. wie in allen rot-grün regierten Städten gab es rote Wellen. An diesem Tag erreichte man damit sogar das Ziel, Berlin für Autofahrer unattraktiv zu machen. Kurz es ging zu wie ... - nein, diese politisch unkorrekte Formulierung des Juden Tucholsky kann man heute unmöglich zitieren ohne als judenfeindlich oder sogar rechtsradikal zu gelten, was Tucholsky selber keineswegs war.

 

Die Grünen waren wie immer auf dem Posten. Einige Minuten nachdem die Nachricht sich verbreitet hatte, prangten im ganzen Internet Nachrichten auf knallgrünem Grund.

#derlöwistlos!

Wer ist dran schuld?

Die AfD!

Wählt die Grünen!

 

Und einige SPD-Politiker*innen setzten rasch noch eins drauf. „Die AfD hat immer gegen afrikanische Löwen gehetzt. Aus Worten folgen Taten.“

 

Bald kursierte im Internet das Gerücht, Wolfgang Pfleiderer, der Löwenwärter sei AfD-Mitglied und hätte den Löwen vorsätzlich freigelassen, um die Demokratie zu gefährden. Einige Vertreter der CDU forderten daraufhin die Entlassung von Zoowärtern, die AfD-Mitglieder seien oder sie sonst unterstützten. Diese auf ihrem Posten zu belassen, wäre gefährlich für die Öffentlichkeit und für die Demokratie. Wolfgang Pfleiderer las das im Spital, wohin er wegen einiger Kratzwunden und einer Gehirnerschütterung transportiert worden war. Er war zornig und zugleich traurig, er gehörte keiner Partei an und hatte immer brav SPD oder CDU gewählt, je nach dem wer gerade nach seinem Geschmack regieren wollte. Aber wie sollte er das beweisen?

 

Die AfDler wehrten sich natürlich, wenn auch wie immer etwas zögerlich. Die Parteileitung publizierte folgende Nachricht auf knallblauem Grund: „Absurder Vorwurf der Grünen! Welches Interesse hätten wir daran, Löwen freizulassen? Wenn schon kämen die Grünen für eine solche Aktion infrage, die waren doch immer gegen Zootiere und Käfighaltung!“ Dass die Behauptung der Grünen und der SPD eine glatte Verleumdung (StGB 187) war, erwähnten sie leider nicht.

 

Aus München meldete sich Markus Söder: „#derlöwistlos! Kontraproduktive grüne Politik! Aber die AfD bleibt unser Feind.“ Und bald war die Nachricht auch ins Weisse Haus gedrungen. Präsident Trump twitterte prompt: „Freedom for the „löw“! Catch the Merkel, she is more dangerous!“ Aber wo war Frau Merkel überhaupt? Bisher hatte sie sich zu dem Ereignis noch gar nicht geäussert. Einige Journalisten fanden nach intensiven Recherchen heraus, dass sie sich in einem entlegenen afrikanischen Land befand, wo sie grosszügig Deutsche Steuergelder verteilte.

 

Erdogan publizierte eine Pressemitteilung: „Mehr Geld oder ich schicke alle türkischen Löwen nach Deutschland.“ Putin nahm die Nachricht gelassen und bot an, einige russische Zirkusleute, die auf Löwendressur spezialisiert seien, zur Hilfe nach Deutschland schicken.

 

Die Börse reagierte hysterisch: Haben Sie in den letzten 40 Jahren eine Nachricht erlebt, auf die die Börse nicht hysterisch reagiert hat?  Die DAX-Kurse sanken sofort. Als die Nachricht kam, dass die Chinesen ein grosszügiges Angebot zum Kauf des Berliner Zoos unterbreitet hätten und den Löwen nachher auf ihre Kosten wieder einfangen wollten, schnellten die Aktien für Privatzoos und Freizeitparks in die Höhe und der DAX stieg wieder. Einige Leute verbreiteten die Theorie, die Chinesen hätten den Löwen befreit, um sich den Berliner Zoo unter den Nagel zu reissen.

 

Inzwischen hatte es sich Desertking in der verlassenen Zooküche gemütlich gemacht und alles Fleisch aufgefressen, um das grüne Gemüse machte er einen grossen Bogen. Satt und zufrieden spazierte er zum Ku´damm und gelangte zum KDW (Kaufhaus des Westens). Er legte sich auf dem Wittenbergplatz nieder und beobachtete die Leute, wie sie in Panik gerieten und wegrannten.

 

Im Kanzleramt war man gerade beim Frühstück gesessen als einige Beamte, die auch beim Essen am Handy rumfummelten, in Twitter #derlösistlos entdeckten. Man diskutierte darüber und kam zu der Ansicht, dass man nun ausnahmsweise doch mal etwas unternehmen müsse. Nach einer erregten Debatte über Zuständigkeiten, über die man sich nicht einig wurde, entschloss man sich ein Bundeslöwenabwehramt zu gründen mit einer Unterabteilung für afrikanische Löwen. Man forderte:

  • Eine Million Euro
  • Zehn Feuerwehrautos
  • Drei Hundertschaften Polizei

 

Und ein Sachbearbeiter wurde losgeschickt um zu recherchieren, ob es in der Armee noch einige flugfähige Helikopter und noch wichtiger funktionstüchtige Fernrohre gab, mit denen man den Löwen ausfindig machen konnte. Weiter berieten die Politiker, ob man ein Ausgehverbot verhängen solle, wenn ja nur für Berlin oder gleich noch für Brandenburg oder ganz Deutschland. Diese Frage vertagte man, einige mahnten, dass es nun dringender sei, den Löwen zu suchen.

 

Das Leben in Berlin war völlig umgekrempelt. Niemand wagte sich mehr auf die Strasse, ein Ausgehverbot wäre überflüssig gewesen. Aus allen Stadtteilen wurden Löwen gemeldet, im ganzen 62. Inzwischen hatte man doch einige Helikopter und Fernrohre aufgetrieben, die noch funktionieren und mit denen man den Löwen suchte. Aber man fand ihn nicht. War er schon nach Brandenburg entwischt? Dann würde die Suche schwierig.

 

Nein, der Löwe befand sich immer noch in Berlin. Er spazierte durch einige Strassen, die inzwischen menschenleer waren. Ach das war Berlin! Dieser traurige Haufe von hässlichen Steinkästen und schnurgeraden Strassen, die alle ein bisschen unsauber aussahen – das war das Weltdorf Berlin! Der Löwe schüttelte das Haupt. Da hatten ihm die Spatzen im Zoo weiss Gott was erzählt, also offensichtlich alles total übertrieben. Alle Tiere im Zoo sehnten sich nach Freiheit, nach sorglosem Leben und da die meisten ihre wirkliche Heimat, Afrika, Asien oder Amerika, gar nicht kannten, glaubten sie an den Traum Berlin: Einmal in der Spree oder im Wannsee schwimmen war die Sehnsucht der Krokodile, einmal in ein grosses Schlachthaus fliegen, das wünschten sich die Aasgeier, einmal in den Grunewald wie ihre freien Artgenossen, davon träumten die Wildschweine. Und die Pandabären aus China wollten gern mal in den Bundestag, um sich von den Parlamentariern streicheln zu lassen - schliesslich waren sie ja millionenteure Stars.

 

Und das hier war Berlin - die Realität? Das war es? Das war alles? Desertking schüttelte noch einmal das Haupt. Da rückten sie heran. Die zehn Feuerwehrautos von allen Seiten und von oben sogar drei noch flugfähige Helikopter der Bundeswehr, Reporter von verschiedenen Fernsehsendern und einige Leute der Schickeria, die überall dabei sein müssen. Da rückte es heran…

 

Zuerst noch von fern. Aber Desertking spürte, dass er verfolgt wurde. Er war zwar im Zoo geboren worden und aufgewachsen, aber er besass trotzdem noch einige natürliche Instinkte. Er schlich in einen Hinterhof, wo ihm aus einem Container verlockender Wurstduft entgegenströmte, er hatte schon wieder Hunger. Menschen würden das gar nicht riechen, ein Wildtier aber schon mit seiner feinen Nase. Der Löwe hatte Glück, der Container war offen. Desertking sprang hinein. pellte erstmal die Wurst aus einer Plastikhülle und frass sie genüsslich. „Diese Menschen sind schon komisch“, dachte er, „so feines Essen draussen aufzubewahren, wo es jeder findet.“ Er hörte mit seinen scharfen Ohren das Flapsen von einem Helikopter in der Luft. Rasch buddelte er sich in den Abfall, der sich ausser der Wurst noch im Container befand. Der Helikopter flog über den Hinterhof, ohne dass man den Löwen bemerkte. Dieser duckte sich noch tiefer in den Abfall und beschloss, noch eine Weile im Container verborgen zu bleiben. Es kamen auch Leute in den Hinterhof, jemand war einen Sack in den Container. Einige Kinder begannen zu spielen.

 

Inzwischen hatte man den Löwen fieberhaft in Berlin Mitte und Charlottenburg gesucht und beschloss dann, die Fahndung auf ganz Berlin auszudehnen. Im Bundeslöwenabwehramt drängten sich Politiker aller Parteien und die Medienleute. In Windeseile hatte man einen Zaun um das Kanzleramt gebaut, damit dieses wenigstens vor dem Löwen sicher wäre. Die Politiker diskutierten darüber, was nun zu unternehmen sei. Einige Vertreter von CDU und SPD schlugen ein Ausgehverbot vor, zunächst mal für Berlin. Der Löwe könne Berlin schon verlassen haben, meinten die Grünen, das Verbot müsse man mindestens auf Brandenburg ausdehnen. Also telefonierte man mit dem Brandenburger Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD), der die Ereignisse schon unruhig im Fernsehen und im Internet verfolgt hatte. Er war mit dem Ausgehverbot sehr einverstanden und froh darüber, dass er das nicht selber entscheiden und mit der starken Opposition herumstreiten musste. Einige Vertreter der FDP und AfD fanden das Ausgehverbot ziemlich übertrieben, aber sie wurden schnell mit dem Argument konfrontiert, dass man das Leben der Bürger schützen müsse und dass es unverantwortlich wäre, nichts zu unternehmen und so weiter. Wie man im Internet feststellen konnte, fanden auch viele Bürger diese Massnahme angemessen. Es würde ja nicht lange dauern, dachte man, so ein Löwe müsste doch bald aufzutreiben sein. Sie wären ja auch von sich aus zu Hause geblieben, wer will schon von einem Löwen gefressen werden.

 

 

Desertking im Container hatte während der Zeit darüber nachgedacht, was er nun unternehmen könnte. In Berlin bleiben wollte er keinesfalls, er war ja enttäuscht und man würde ihn da wohl am raschesten finden. Es hatte ihn ja eigentlich schon immer interessiert, was jenseits von Berlin war, wenn er das auch während seines Zoolebens auch ins Unterbewusstsein verdrängt hatte. Er hatte im Zoo von Wäldern, Feldern und Seen gehört, darunter konnte er sich nur undeutlich etwas vorstellen. Einige Leute hatten über Ferien am Meer geplaudert, was war wohl dieses Meer? Und wo lag Afrika, die Heimat seiner Vorfahren? Gab es eine Möglichkeit für ihn, dahin zu gelangen. Zu Fuss wohl nicht, es lag weit weg, soviel wusste er. Es wurde Nacht und Desertking wurde es im Container so langsam unbequem. Als es ganz dunkel war, verliess er den Container und schlich durch Berlin. Natürlich konnte er nicht einfach entlang der Strassen spazieren. Dass die Menschen ihn jagen würden, sobald ihn jemand erblickte, war ihm klar. Er hatte sich überlegt, dass er am besten immer geradeaus ginge, irgendwann müsse dieses Stadtgebiet doch zu Ende sein. Inzwischen hatte er auch entdeckt, dass er in den Abfallcontainern immer wieder gutes Fressen fand und lernte sogar, die Deckel zu öffnen. Nach zwei Tagen hatte er es dann geschafft. Die Stadt war zu Ende und er stand auf freiem Feld. Er sah sich um. Wo gab es hier ein Versteck? Er duckte sich in den Strassengraben. Zum Glück dämmerte es an diesem Abend schon und es kamen nicht viele Autos. So konnte er sich unbemerkt über das Feld zu einem kleinen Hain schleichen und sich zwischen den Bäumen verstecken. Dort verbrachte er die Nacht. Er war von der langen Wanderung schon ordentlich müde und schlief bin in den hellen Tag.

 

Die Polizei, die Armee und das Bundeslöwenabwehramt hatten die Anstrengungen, den Löwen zu finden  verstärkt. Es wurden weitere Truppen der Armee eingesetzt, weitere flugfähige Helikopter – oh Wunder! - wurden zur Verfügung gestellt und Hundertschaften der Polizei suchten ganze Wälder ab – vergeblich. Wo konnte der Löwe nur sein? Inzwischen hatte die Panik die ganze Bevölkerung in Deutschland ergriffen und schwappte sogar auf die Nachbarländer über. Schliesslich konnte der Löwe ja über die Grenze spazieren, wie es die Bären auch taten. Man hatte zwar schon Erfahrungen mit diesen speziell von den Grün/Linken geduldeten Wildtieren, die sich nicht nur in der Natur herumtrieben. Ein freier Löwe, das war etwas Neues, so war die Aufregung zu erklären. Das Bundeslöwenabwehramt rief eine Länder-Ministerkonferenz ein und man besprach weitere Sicherheitsmassnahmen. Es wurde beschlossen, dass man Restaurants und Läden mit nicht lebenswichtigen Produkten schloss. Die Leute sollten möglichst zu Hause bleiben. Die Schulen wurden geschlossen, die Eltern mussten die Kinder zu Hause unterrichten. Dafür wäre das Internet nützlich, aber man stellte sehr schnell fest, dass nicht alle Schüler über ein geeignetes Gerät verfügten. Den digitalen Unterricht zu entwickeln hatte man jahrelang versäumt.

 

Einer der Ministerpräsidenten – den Namen wollen wir hier nicht nennen - hatte einen Freund, der Schutzanzüge produzierte, dieser entwickelte spezielle Löwenbiss-Schutzanzüge und der betreffende Ministerpräsident verfügte für sein Land, dass die Leute solche zu tragen hätten, wenn sie sich ins Freie begaben – natürlich gegen eine Gewinnbeteiligung. Natürlich fanden einige Bürger heraus, dass es sich um eine Klüngelei handelte und die Wellen im Internet schlugen hoch. Trotzdem: Die Löwenbiss-Schutzanzüge wurden ein Millionen-Geschäft.

 

In den Nachbarländern erliess man ähnliche Vorschriften. Macron überlegte sich, dass er so endlich seine Gelbwestenbewegung von der Strasse weg bekommen würde. Auch Kurz ordnete in Österreich eine Ausgangssperre an. Die Schweizer begnügten sich damit, eine Grenzschliessung zu organisieren und sperrten mit Hilfe der Deutschen die Strassen ab. Man durfte nicht mal mehr seine Verwandten und Freunde jenseits der Grenze besuchen.

 

Inzwischen hatte der Löwe in der brandenburgischen Landschaft zu leben versucht. Das war, so fand er, nicht so lustig, es gab kaum etwas zu fressen. Ein paarmal hatte er versucht, Feldmäuschen zu jagen, aber diese waren immer schneller. Zuletzt kaute er unlustig auf einigen Gräsern herum, weil diese immer noch besser waren als gar nichts. Er musste wieder in einen Ort wo Menschen wohnten und wo es diese Behälter gab, in denen sie seiner Meinung nach das Essen aufbewahrten. Er schlich durch die Landschaft und traf auf eine Herde Schafe. So ein zartes junges Lamm, das kam ihm nun gerade recht. Er packte also zu, bevor es die anderen Schafe bemerkten, hatte er das Lamm weggeschleppt. Er brachte es hinter einige Bäume und genoss dort seine Mahlzeit.

 

Eine Stunde später bemerkte der Besitzer der Schafherde, dass ein junges Lamm fehlte. Hatte ein Wolf das Lamm gerissen, oder war es vielleicht gar der Löwe? Er informierte die Polizei. Diese rückte sofort an mit Unterstützung von Armeetruppen und Helikoptern. Der Löwe hatte hinter einigen Bäumen ein Mittagsschläfchen gemacht und erwachte von dem ohrenbetäubenden Lärm. Oh weh, dachte er, jetzt geht das wieder los. Er duckte sich in eine Kuhle und unter einiges Laub, das vom letzten Herbst übriggeblieben war. Dort verhielt er sich ruhig, es war ihm klar, dass man ihn auf offenem Feld schnell einfangen würde. Dann würden sie ihn sicher wieder in den Zoo bringen oder am Ende gar… soweit dachte er lieber nicht. Nun er hatte Erfolg mit seiner Taktik, nach stundenlanger Suche zogen die Polizei, die Soldaten und die Helikopter wieder ab.

 

Nach dieser vergeblichen Aktion verlängerten die Politiker die Massnahmen. Aber in der Bevölkerung hatte sich inzwischen Protest formiert gegen den „Löwen-Down“, wie man die Schliessung von Betrieben und Freizeitanlagen nannte. Es ginge nicht, dass man wegen eines einzelnen freilaufenden Löwen die bürgerlichen Freiheiten beschränke und die halbe Wirtschaft schädige. Andere fanden, die Sicherheit sei wichtiger als Unternehmensgewinn und Freiheit, man müsse das nun eben akzeptieren. Als einige Betriebe sich über Umsatzeinbrüche beschwerten, versprachen die Politiker finanzielle Hilfe und gründeten einen Löwenverlustersatz-Fonds, dafür wurden einige Milliarden eingeplant. Nur war es schwierig, diese Hilfe zu bekommen. Nachdem einige Unternehmer diese betrügerisch erschlichen hatten. Deshalb brauchte man dafür dann eine Menge Formulare und musste die finanziellen Verhältnisse offenlegen.

 

Inzwischen ging der „Löwen-Down“ vielen Leuten gewaltig auf die Nerven. Jugendliche veranstalteten im Freien „Fuck-auf-den-Löwen-Partys“. Es wurden Massen-Demonstrationen in verschiedenen Städten organisiert und Petitionen lanciert. Einige Leute vertraten die Meinung, die Geschichte mit dem Löwen sei nur erfunden worden, damit man das Volk unterdrücken könne. Von ihren Gegnern wurden sie „Löwidioten“ genannt. Und einige Parlamentarier verlangten, dass man die Massnahmen vom Parlament bestätigen lassen müsse. In Windeseile verfasste die Regierung nach der Anweisung von Frau Merkel  - sie war inzwischen aus Afrika zurückgekehrt - den Entwurf eines „Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung vor freilaufenden Löwen und anderen wilden Tieren“ vor, das sie zu Gegenmassnahmen „ermächtigen“ sollte – dieses Wort kam mehrmals vor - weswegen die politischen Gegner von „Ermächtigungsgesetz“ sprachen. Im Namen der Grossen Koalition legte Frau Merkel das Gesetz dem Parlament vor. Die Abgeordneten von AfD, FDP und den LINKEN fanden, das ginge viel zu weit. Die Vertreter dieser Parteien konnten sich normalerweise gegenseitig nicht ausstehen, aber in dieser Sache waren sie sich ausnahmsweise einig und stimmten dann auch ziemlich geschlossen gegen das Gesetz. Man könne es nicht der Regierung überlassen, Betriebe, kulturelle Einrichtungen, Freizeitparks usw. zu schliessen und das noch auf unbegrenzte Zeit. Vor dem Reichstag protestierte das Volk, die Polizei benützte Wasserwerfer, um es zu vertreiben, trotzdem es an diesem Tag ziemlich kalt war. Während dessen wurde das Gesetz beschlossen, wobei die meisten Vertreter der CDU, der CSU, der SPD und der Grünen dafür stimmten.

 

Desertking war weiter gewandert. Er schlich in der Nacht in die Dörfer, ernährte sich aus Mülltonnen. Das war besser als Schafe zu reissen und eine Verfolgungsaktion zu riskieren, fand er. So kam er eines Tages nach Hamburg, dort gefiel es ihm besser als in Berlin. Es gab da alte Villen, in deren Container er feineres Essen fand als in Berlin und in den Dörfern. Eines Tages gelangte er zum Hafen. Aus einem sicheren Versteck betrachtete er die Schiffe. Aha, dachte Desertking, das sind also diese Dinger, mit denen man auf das Meer fahren kann und vielleicht sogar, ja nach Afrika, in seine ursprünglichen Heimat. Nur welches fuhr dorthin, vielleicht könnte man das erfahren, wenn man die komischen Zeichen - mit denen meinte er die Buchstaben – auf den Schiffen verstand. Aber lesen konnte Desertking leider nicht. Er beschloss, den Gesprächen zuzuhören und hatte Glück. Zwei Matrosen unterhielten sich bei einem Containerschiff, dass sie nach Südafrika fuhren. Desertking plünderte rasch noch zwei Container, frass sich satt und nahm als Vorrat ein grosses Stück Fleisch ins Maul. Auf dem Schiff würde er sich verstecken müssen und er hatte keine Ahnung, wie lange so eine Reise nach Afrika dauerte. Jedenfalls schlich er auf das Schiff und versteckte sich in einem Rettungsboot. Das war ein gutes Versteck. Nachts guckte er hinaus und besah sich das Meer. Am Anfang fand er es faszinierend, dann bisschen langweilig. Das änderte sich in der zweiten Nacht ein Sturm kam und das Schiff schwankte. Desertking musste sich am Rettungsboot festkrallen und es wurde ihm beinahe schlecht. „Hoffentlich ist die Reise bald zu Ende“, dachte er, „so lustig ist es auf dem Meer offenbar auch nicht.“ Dazu plagte ihn langsam gewaltig der Hunger. Nachdem der Sturm sich während der Nacht gelegt hatte und er keinen Menschen auf Deck sah, kroch er aus dem Rettungsboot und sucht etwas zu fressen. Er fand tatsächlich einen Container mit Essensresten. Die schmeckten zwar nicht so wie die Nahrungsmittel in den Städten, waren aber besser als gar nichts. So gelangte Desertking unbehelligt nach Südafrika und wanderte dort in den Kruger National Park, wo es auch andere freie Löwen gab. Hierher kamen die Menschen nur als Touristen per Jeep und sie waren daran interessiert, möglichst viele Wildtiere, darunter Löwen, zu bewundern. Deserking genoss das, es war ähnlich wie im Zoo, aber im Gegensatz dazu war er nicht eingesperrt. Er fand eine wunderschöne Löwin, es war gegenseitig Liebe auf den ersten Blick. Mit ihr gründete er eine Familie. So konnte er seine hart erlaufene Freiheit in vollen Zügen geniessen. Und wenn er nicht gestorben ist, dann löwt er noch heute.

 

Unterdessen ging in Deutschland und den Nachbarländern der „Löwen-Down“ weiter. Und wenn sich die Völker nicht bald wehren sind sie noch lange eingesperrt …

 

 

 

 

Titelbild

 

gemalt und fotografiert von Regula Heinzelmann 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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