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#derlöwistlos!

Regula Heinzelmann

 

Weitere Geschichten und Satiren findet man auf meiner Kunstseite:

 

http://www.heinzelmann-kunst.ch/Geschichten-und-Satiren.php

 

 

 

 

Satire frei nach Kurt Tucholsky

 

 

1920 schrieb Tucholsky (1890 bis 1935) die wunderbare Satire „Der Löw´ ist los!“

Ich habe sie aktualisiert und Ähnlichkeiten mit der heutigen Situation sind durchaus beabsichtigt.

Viel Vergnügen beim Lesen.

 

Die Geschichte im Original und andere Werke von Tucholsky kann man hier herunterladen.

 

https://tucholsky.de/?s=Der+Löw+ist+los

 

 

Meine aktulisierte Variante findet man unter:

 

https://www.europa-konzept.eu/texte-von-regula-heinzelmann/derlöwistlos-variante-2021/

 

 

 

21. März 2020

 

Eines Tages beschloss ein Löwe, der im Berliner Zoo geboren und aufgewachsen war, auszubrechen und sich seine Freiheit zu erobern. Zu diesem Zwecke stürzte er sich mit dem besonders lauten Gebrüll Nr. 3 auf den erschrockenen Wärter Wolfgang Pfleider, entriss diesem den Sicherheitsbatch und öffnete damit die Tür. Bevor der Wärter aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte und begriff, was geschehen war, war Desertking schon aus dem Käfig entwichen und spazierte stolz auf den Wegen des Berliner Zoos. „Einige Viecher machen doch wirklich immer nur Ärger“, dachte Wolfgang Pfleiderer noch halb benommen. Schon nach seiner Geburt hatte man über den Namen gestritten. Einige Tucholsky-Freunde wollten ihn „Wüstenkönig“ nennen, wie den Löwen in der Geschichte „Der Löw´ ist los!“ Man brauche wieder mal ein Zootier mit Deutschem Namen, meinten sie. „Wüstenkönig“ sei politisch unkorrekt, meinten vor allem Grüne, Linke und SPD-Anhänger. Man lebe doch nicht mehr im preussischen Königreich und in eine demokratische Gesellschaft passe dieser Name überhaupt nicht. Einige CDUler fanden „Wüstenkönig“ einfach nur altmodisch, sogar wenn sie Tucholsky mochten. Also einigte man sich auf den Namen „Desertking“. Aber immer noch König und so hatte sich der Löwe auch immer benommen, fand Wolfgang Pfleiderer. Er liess sich bedienen, war widerspenstig und nun hatte er auch noch die Frechheit auszubrechen. 

 

Einige Spaziergänger, die den sonnigen Samstag im Zoo genossen, stürzten nachdem sie den Löwen erblickt hatten haste was kannste ins nächst gelegene Gebäude. Kinderwagen wurden umgestossen und die schreienden Kinder fielen auf den Weg. Alte Omas und Opas liessen ihre Rollatoren stehen, weil sie ohne diese rascher vorwärts kamen und liefen wieder fast wie in ihrer Jugend. Nur einige Millennials, die das für eine organisierte Show hielten, machten ziemlich unbeeindruckt ein Selfie mit dem Löwen im Hintergrund und stellten es dann gleich ins Netz. Ein tollkühner Jüngling mit Punkfrisur und Piercings an Nase und Ohren drückte seinem Freund das Handy in die Hand und sprang auf den Rücken von Desertking. Dieser schüttelte ihn ab und beschnupperte den verdutzt am Boden liegenden Jungen. Desertking war dieser nicht geheuer, viel zu dünn. Und was sollten diese komischen Metalldinger im Gesicht? „Nein, den fress ich besser nicht“, da verderbe ich mir ja den Magen“, dachte er und trollte sich weg. Die Begleiter des Jungen waren so erschrocken, dass sie gar nicht dazu kamen, die Szene zu filmen. Das bereuten sie natürlich nachher, das hätte sicher Millionen Klicks gegeben.

 

Inzwischen hatte sich die Nachricht #derlöwistlos! in Windeseile im Internet verbreitet. Viele, die dem Löwen im Zoo entkommen waren, teilten es allen Verwandten und Bekannten mit. Auf den Strassen Berlins brach dieselbe Panik aus wie im Zoo, aber mit Potentialeffekt. Jeder rannte entweder in die nächstgelegenen Lokale, in die Warenhäuser oder zum nächsten Bus, Taxi oder U-Bahn, die rasch überfüllt waren. Einige besonders rücksichtslose Typen rannten dabei alle anderen um oder prügelten sich sogar den Weg frei. Taxifahrer und Uber-Dienstleister erhöhten ihre Preise um das 18 fache. Wer im Auto sass, wollte natürlich sofort weg aus der Gefahrenzone, mit dem Resultat, dass es Staus gab, wie man sie im grosszügig gebauten Berlin selten erlebt. „Das ist ja wie in Zürich“, meinte ein Schweizer, der sich auf eine Besichtigung von Schloss Charlottenburg gefreut hatte, aber keine Chance sah, auf den verstopften Strassen bis dahin durchzukommen. Er ärgerte sich, weil er am anderen Morgen abreisen musste. Nur die Verkehrsampeln funktionierten wie immer, d.h. wie in allen rot-grün regierten Städten gab es rote Wellen. An diesem Tag erreichte man damit sogar das Ziel, Berlin für Autofahrer unattraktiv zu machen. Kurz es ging zu wie ... - nein, diese politisch unkorrekte Formulierung des Juden Tucholsky kann man heute unmöglich zitieren ohne als judenfeindlich oder sogar rechtsradikal zu gelten, was Tucholsky selber keineswegs war.

 

Die Grünen waren wie immer auf dem Posten. Einige Minuten nachdem die Nachricht sich verbreitet hatte, prangten im ganzen Internet Nachrichten auf knallgrünem Grund.

#derlöwistlos!

Wer ist dran schuld?

Die AfD!

Wählt die Grünen!

 

Und einige SPD-Politiker*innen setzten rasch noch eins drauf. „Die AfD hat immer gegen afrikanische Löwen gehetzt. Aus Worten folgen Taten.“

 

Bald kursierte im Internet das Gerücht, Wolfgang Pfleiderer, der Löwenwärter sei AfD-Mitglied und hätte den Löwen vorsätzlich freigelassen, um die Demokratie zu gefährden. Einige Vertreter der CDU forderten daraufhin die Entlassung von Zoowärtern, die AfD-Mitglieder seien oder sie sonst unterstützten. Diese auf ihrem Posten zu belassen, wäre gefährlich für die Öffentlichkeit und für die Demokratie. Wolfgang Pfleiderer las das im Spital, wohin er wegen einiger Kratzwunden und einer Gehirnerschütterung transportiert worden war. Er war zornig und zugleich traurig, er gehörte keiner Partei an und hatte immer brav SPD oder CDU gewählt, je nach dem wer gerade nach seinem Geschmack regieren wollte. Aber wie sollte er das beweisen?

 

Die AfDler wehrten sich natürlich, wenn auch wie immer etwas zögerlich. Die Parteileitung publizierte folgende Nachricht auf knallblauem Grund: „Absurder Vorwurf der Grünen! Welches Interesse hätten wir daran, Löwen freizulassen? Wenn schon kämen die Grünen für eine solche Aktion infrage, die waren doch immer gegen Zootiere und Käfighaltung!“ Dass die Behauptung der Grünen und der SPD eine glatte Verleumdung (StGB 187) war, erwähnten sie leider nicht.

 

Aus München meldete sich Markus Söder: „#derlöwistlos! Kontraproduktive grüne Politik! Aber die AfD bleibt unser Feind.“ Und bald war die Nachricht auch ins Weisse Haus gedrungen. Präsident Trump twitterte prompt: „Freedom for the „löw“! Catch the Merkel, she is more dangerous!“ Aber wo war Frau Merkel überhaupt? Bisher hatte sie sich zu dem Ereignis noch gar nicht geäussert. Einige Journalisten fanden nach intensiven Recherchen heraus, dass sie sich in einem entlegenen afrikanischen Land befand, wo sie grosszügig Deutsche Steuergelder verteilte.

 

Erdogan publizierte eine Pressemitteilung: „Mehr Geld oder ich schicke alle türkischen Löwen nach Deutschland.“ Putin nahm die Nachricht gelassen und bot an, einige russische Zirkusleute, die auf Löwendressur spezialisiert seien, zur Hilfe nach Deutschland schicken.

 

Die Börse reagierte hysterisch: Haben Sie in den letzten 40 Jahren eine Nachricht erlebt, auf die die Börse nicht hysterisch reagiert hat?  Die DAX-Kurse sanken sofort. Als die Nachricht kam, dass die Chinesen ein grosszügiges Angebot zum Kauf des Berliner Zoos unterbreitet hätten und den Löwen nachher auf ihre Kosten wieder einfangen wollten, schnellten die Aktien für Privatzoos und Freizeitparks in die Höhe und der DAX stieg wieder. Einige Leute verbreiteten die Theorie, die Chinesen hätten den Löwen befreit, um sich den Berliner Zoo unter den Nagel zu reissen.

 

Inzwischen hatte es sich Desertking in der verlassenen Zooküche gemütlich gemacht und alles Fleisch aufgefressen, um das grüne Gemüse machte er einen grossen Bogen. Satt und zufrieden spazierte er zum Ku´damm und gelangte zum KDW (Kaufhaus des Westens). Er legte sich auf dem Wittenbergplatz nieder und beobachtete die Leute, wie sie in Panik gerieten und wegrannten.

 

Im Kanzleramt war man gerade beim Frühstück gesessen als einige Beamte, die auch beim Essen am Handy rumfummelten, in Twitter #derlösistlos entdeckten. Man diskutierte darüber und kam zu der Ansicht, dass man nun ausnahmsweise doch mal etwas unternehmen müsse. Nach einer erregten Debatte über Zuständigkeiten, über die man sich nicht einig wurde, entschloss man sich ein Bundeslöwenabwehramt zu gründen mit einer Unterabteilung für afrikanische Löwen. Man forderte:

  • Eine Million Euro
  • Zehn Feuerwehrautos
  • Drei Hundertschaften Polizei

 

Und ein Sachbearbeiter wurde losgeschickt um zu recherchieren, ob es in der Armee noch einige flugfähige Helikopter und noch wichtiger funktionstüchtige Fernrohre gab, mit denen man den Löwen ausfindig machen konnte. Weiter berieten die Politiker, ob man ein Ausgehverbot verhängen solle, wenn ja nur für Berlin oder gleich noch für Brandenburg oder ganz Deutschland. Diese Frage vertagte man, einige mahnten, dass es nun dringender sei, den Löwen zu suchen.

 

Das Leben in Berlin war völlig umgekrempelt. Niemand wagte sich mehr auf die Strasse, ein Ausgehverbot wäre überflüssig gewesen. Aus allen Stadtteilen wurden Löwen gemeldet, im ganzen 62. Inzwischen hatte man doch einige Helikopter und Fernrohre aufgetrieben, die noch funktionieren und mit denen man den Löwen suchte. Aber man fand ihn nicht. War er schon nach Brandenburg entwischt? Dann würde die Suche schwierig.

 

Nein, der Löwe befand sich immer noch in Berlin. Er spazierte durch einige Strassen, die inzwischen menschenleer waren. Ach das war Berlin! Dieser traurige Haufe von hässlichen Steinkästen und schnurgeraden Strassen, die alle ein bisschen unsauber aussahen – das war das Weltdorf Berlin! Der Löwe schüttelte das Haupt. Da hatten ihm die Spatzen im Zoo weiss Gott was erzählt, also offensichtlich alles total übertrieben. Alle Tiere im Zoo sehnten sich nach Freiheit, nach sorglosem Leben und da die meisten ihre wirkliche Heimat, Afrika, Asien oder Amerika, gar nicht kannten, glaubten sie an den Traum Berlin: Einmal in der Spree oder im Wannsee schwimmen war die Sehnsucht der Krokodile, einmal in ein grosses Schlachthaus fliegen, das wünschten sich die Aasgeier, einmal in den Grunewald wie ihre freien Artgenossen, davon träumten die Wildschweine. Und die Pandabären aus China wollten gern mal in den Bundestag, um sich von den Parlamentariern streicheln zu lassen - schliesslich waren sie ja millionenteure Stars.

 

Und das hier war Berlin - die Realität? Das war es? Das war alles? Desertking schüttelte noch einmal das Haupt. Da rückten sie heran. Die zehn Feuerwehrautos von allen Seiten und von oben sogar drei noch flugfähige Helikopter der Bundeswehr, Reporter von verschiedenen Fernsehsendern und einige Leute der Schickeria, die überall dabei sein müssen. Da rückte es heran…

 

Und das Erstaunliche geschah, dass sich der Löwe Desertking, der Beherrscher der Tiere, die Majestät der Fauna pp. ruhig abführen liess – in das Raubtierhaus des Zoos Berlin. Und als die Türe hinter ihm gesichert war und der neue Wärter – die Parteizugehörigkeit hatte man vorher überprüft – ihn vorwurfsvoll anschnauzte, da senkte der enttäuschte Löwe den Schweif, den er bis dahin glorios nach oben getragen hatte, streckte sich still der Länge nach hin und sagte mit Wärme und Überzeugung: „Nie wieder!“

 

P.S. Am anderen Tag meldete sich die Bundeskanzlerin doch noch aus Afrika: #derlöwistlos! Wir stehen zusammen und fangen ihn. Wir schaffen das! Es ist eine Frage des Herzens.

 

 

 

Titelbild

 

"Brennpunkt Berlin I", gemalt und fotografiert von Regula Heinzelmann

 

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